Notizen · Menschen

Die Leute, die geblieben sind, waren selten die mit dem besten Lebenslauf

11.10.2026 · 7 Minuten · aus sieben Jahren Einstellen, Einarbeiten und Behalten

Das Wichtigste in Kürze

  • Lebenslauf und Zeugnisse haben bei mir am schlechtesten vorhergesagt, wer bleibt und etwas bewegt.
  • Ein kleines Probestück aus der echten Arbeit sagt mehr als drei Gespräche.
  • Die ersten vier Wochen entscheiden. Wer in dieser Zeit allein gelassen wird, ist innerlich schon halb wieder weg.
  • Entwicklung passiert über echte Verantwortung mit Rückendeckung, nicht über einen Schulungskatalog.

Er kam aus einem Autohaus, hatte eine kaufmännische Ausbildung und keine Zeile IT im Lebenslauf. Auf dem Papier war die Bewerbung eine klare Absage. Was mich stutzig gemacht hat, war der Satz, dass er sich zu Hause einen Server hingestellt hat, einfach um zu verstehen, wie das funktioniert.

Sechs Jahre später hat er einen erheblichen Teil des Betriebs getragen und zwei Kollegen eingearbeitet.

Im selben Zeitraum habe ich Leute eingestellt, deren Unterlagen perfekt waren und die nach sieben Monaten wieder weg waren. Beides war kein Zufall, und beides hat mir mehr über Einstellungen beigebracht als jeder Ratgeber.

1. Was mir im Lebenslauf nichts gesagt hat

Noten, Zertifikate und die Namen vorheriger Arbeitgeber haben in meiner Erfahrung kaum etwas darüber verraten, wie jemand im Alltag arbeitet. Sie sagen etwas über die Vergangenheit und über Zugang zu Gelegenheiten, aber wenig über Neugier, Durchhalten und den Umgang mit Fehlern.

Was ich inzwischen lese, sind die Lücken und die Brüche. Warum ist jemand gewechselt. Was hat er in einer Zeit gemacht, in der nichts Offizielles passiert ist. Diese Stellen sind interessanter als jede Aufzählung von Stationen, weil dort die Entscheidungen liegen.

2. Drei Fragen, die bei mir funktioniert haben

Ich bin kein Freund von Fragenkatalogen, aber drei haben sich bewährt:

  • Erzähl mir von etwas, das du dir selbst beigebracht hast. Die Antwort zeigt, ob jemand lernt, wenn ihn niemand dazu auffordert.
  • Was ist in deinem letzten Job richtig schiefgegangen, und was war dein Anteil daran? Wer hier keinen eigenen Anteil findet, wird ihn auch bei mir nicht finden.
  • Was würdest du tun, wenn dir meine Entscheidung falsch vorkommt? Mir ist Widerspruch lieber als Zustimmung, aber ich will wissen, wie jemand widerspricht.

Keine dieser Fragen prüft Fachwissen. Fachwissen lässt sich nachholen, die drei Dinge dahinter nur schwer.

3. Ein Probestück sagt mehr als drei Gespräche

Das Wirksamste war, aus der echten Arbeit eine kleine Aufgabe zu machen. Keine Testaufgabe aus dem Lehrbuch, sondern etwas, das bei uns tatsächlich anstand, in einem Umfang von zwei bis drei Stunden und selbstverständlich bezahlt.

Man sieht in dieser Zeit Dinge, die in keinem Gespräch auftauchen. Fragt jemand nach, bevor er loslegt, oder rät er. Dokumentiert er, was er getan hat. Sagt er, wenn er etwas nicht kann, oder baut er eine Umgehung, die später jemand anders ausbaden muss.

Umgekehrt sieht der Bewerber auch, worauf er sich einlässt. Zwei Leute haben nach dem Probestück abgesagt, und in beiden Fällen war das für beide Seiten die bessere Entscheidung als eine Kündigung in der Probezeit.

4. Die ersten vier Wochen entscheiden

Der häufigste Fehler in kleinen Firmen ist, Einarbeitung als Zustand zu behandeln statt als Aufgabe mit einem Verantwortlichen. Der Neue bekommt einen Platz, einen Rechner und den Hinweis, er solle fragen, wenn etwas ist.

Das Ergebnis ist vorhersehbar. Wer in den ersten Wochen dauernd fragen muss, fühlt sich als Last. Wer nicht fragt, macht Dinge falsch und merkt es spät. Beides erzeugt in vier Wochen ein Gefühl, das danach schwer zu drehen ist.

Bei uns hat geholfen: eine feste Person als Ansprechpartner, ein Plan für die ersten zwei Wochen mit konkreten Aufgaben statt Zuschauen, und ein Gespräch nach vier Wochen, in dem nicht ich bewerte, sondern frage, was er an uns komisch findet. Die Antworten auf diese Frage waren regelmäßig die besten Hinweise, die ich bekommen habe.

5. Entwicklung passiert über Verantwortung, nicht über Kataloge

Wir haben Schulungen bezahlt, Zertifizierungen ermöglicht und Budgets dafür eingeplant. Das war richtig und hat trotzdem weniger bewirkt als etwas anderes.

Gewachsen sind Leute dann, wenn sie einen Bereich ganz bekommen haben, mit dem Risiko, dass etwas schiefgeht, und mit der Zusage, dass ich den Kopf hinhalte, wenn es passiert. Diese zweite Hälfte ist der entscheidende Teil. Verantwortung ohne Rückendeckung ist keine Entwicklung, sondern eine Falle, und das merken Leute sehr schnell.

Dazu gehört, Fehler nicht zu kommentieren, wenn sie offensichtlich sind. Wer gerade einen Auftrag vergeigt hat, braucht keine Analyse, sondern die Frage, was er beim nächsten Mal anders machen will.

6. Woran ich heute scheitern sehe

Zwei Dinge. Erstens stellen kleine Firmen zu spät ein, weil sie warten, bis die Arbeit sicher da ist. Dann wird unter Druck eingestellt, und unter Druck entscheidet man schlecht.

Zweitens behalten viele Inhaber Leute zu lange, bei denen sie längst wissen, dass es nicht passt. Die Begründung ist meistens, dass man niemanden hat, der einspringt. Das ist nachvollziehbar und trotzdem teuer, weil die anderen im Team genau sehen, was geduldet wird.

Beides habe ich selbst gemacht, und zwar beides mehrfach.

Häufige Fragen

Worauf sollte man bei Einstellungen in kleinen Unternehmen achten?

Auf Lernhaltung, den Umgang mit eigenen Fehlern und darauf, wie jemand widerspricht. Fachwissen lässt sich nachholen, diese drei Dinge kaum.

Was bringt eine Probeaufgabe im Bewerbungsverfahren?

Mehr als zusätzliche Gespräche. Eine bezahlte Aufgabe aus der echten Arbeit zeigt Arbeitsweise, Nachfragen und Dokumentation, und der Bewerber sieht, worauf er sich einlässt.

Wie läuft eine gute Einarbeitung ab?

Mit einer festen Ansprechperson, einem Plan mit konkreten Aufgaben für die ersten zwei Wochen und einem Gespräch nach vier Wochen, in dem der Neue gefragt wird, was ihm auffällt.

Wie entwickelt man Mitarbeitende ohne großes Budget?

Über echte Verantwortung für einen Bereich, verbunden mit der Zusage, dass die Führung bei Fehlern den Kopf hinhält. Das wirkt stärker als ein Schulungskatalog.

Daniel Rie

Daniel Rie

Unternehmer aus München. Hat von 2019 bis 2026 einen IT-Dienstleister übernommen, saniert und aufgebaut, der 2022 in die VALLEY IT GROUP integriert wurde. Beteiligt sich über DR Partners an mittelständischen IT-Unternehmen. Mehr über mich.

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