Notizen · Nachfolge

Die Firma war gut. Der Nachfolger kam trotzdem nicht.

09.10.2026 · 6 Minuten · aus Gesprächen mit Inhabern, die keinen Nachfolger finden

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Zahlen sind selten das Problem. Das Problem ist, dass die Firma am Inhaber hängt.
  • Viele Inhaber starten zu spät. Zwischen erstem Gedanken und Übergabe liegen realistisch drei bis fünf Jahre.
  • Der zweite häufige Grund ist der Preis. Bewertet wird der künftige Ertrag, nicht die vergangene Lebensleistung.
  • Die naheliegendste Lösung wird oft übersehen: jemand aus dem eigenen Team.

Mir sitzt ein Handwerksmeister gegenüber, 63, 18 Leute, Auftragsbücher voll bis ins nächste Jahr. Er sucht seit vier Jahren einen Nachfolger. Es gab Interessenten, drei an der Zahl, alle sind wieder abgesprungen.

Von außen ergibt das keinen Sinn. Die Firma ist gesund. Beim Nachfragen kommt heraus: Er kalkuliert jedes Angebot selbst, kennt jeden Kunden seit zwanzig Jahren persönlich, und die Preise stehen in keinem System, sondern in seinem Kopf.

Dieses Muster wiederholt sich. In Deutschland stehen Zehntausende Unternehmen vor der Übergabe, ein erheblicher Teil findet niemanden, und es liegt fast nie an der Substanz. Es liegt an drei anderen Dingen.

1. Die Firma ist nicht übertragbar

Der häufigste Grund. Der Inhaber ist über Jahrzehnte das Zentrum des Unternehmens geworden. Er kennt jeden Kunden persönlich, er kalkuliert, er entscheidet technische Fragen, er löst Eskalationen. Das Unternehmen funktioniert ausgezeichnet, solange er da ist.

Ein Käufer sieht das anders. Er kauft eine Organisation, aus der der wichtigste Teil in dem Moment verschwindet, in dem der Kaufvertrag unterschrieben ist. Je mehr Wissen und Beziehung an einer Person hängen, desto größer das Risiko, und Risiko wird entweder eingepreist oder führt zur Absage.

Das lässt sich ändern. Nicht schnell, aber zuverlässig: zweite Ansprechperson je Kunde, dokumentierte Abläufe, ausgesprochene Entscheidungsgrenzen. Wer das drei Jahre durchzieht, hat am Ende eine andere Firma zu verkaufen.

2. Der Zeitpunkt ist zu spät

Viele fangen an, wenn der Anlass schon da ist. Gesundheit, ein Partner, der aussteigt, oder schlicht Erschöpfung. Dann bleiben Monate, und Monate reichen nicht.

Realistisch liegen zwischen dem ersten ernsthaften Gedanken und einer sauberen Übergabe drei bis fünf Jahre. Wer früher beginnt, hat mehrere Interessenten, kann vergleichen und verhandelt aus einer anderen Position. Wer spät beginnt, verhandelt gegen die Uhr, und das sieht die Gegenseite.

3. Der Preis hängt an der Lebensleistung

Für den Inhaber ist die Firma das Ergebnis von dreißig Jahren Arbeit. Für den Käufer ist sie die Erwartung künftiger Erträge. Diese beiden Zahlen haben nichts miteinander zu tun, und an dieser Stelle scheitern viele Gespräche, bevor sie richtig begonnen haben.

Das ist keine Geringschätzung. Es ist nur eine andere Rechnung. Hilfreich ist, früh eine realistische Einordnung zu haben, auch wenn sie unangenehm ist. Wer erst in der Verhandlung merkt, dass seine Vorstellung um den Faktor zwei danebenliegt, verliert Zeit und meistens auch den Interessenten.

4. Die naheliegendste Lösung wird übersehen

Oft sitzt der Nachfolger bereits im Haus. Der Techniker, der seit zwölf Jahren dabei ist. Die Projektleiterin, die ohnehin die Hälfte der Kunden betreut. Diese Leute kennen das Geschäft, die Kunden kennen sie, und das Übertragungsrisiko ist deutlich kleiner.

Was fehlt, ist meistens zweierlei: Geld und Zutrauen. Beides lässt sich lösen, über gestaffelte Anteile, über eine Beteiligung neben einem Partner oder über eine Übergabe in Etappen. Ich halte diesen Weg für unterschätzt, weil er das Unternehmen erhält, statt es in eine fremde Struktur zu zwingen.

5. Was ich Inhabern rate

Fang an, bevor du musst. Schreib auf, welche Entscheidungen heute nur du treffen kannst, und gib in den nächsten zwölf Monaten die Hälfte davon ab. Schau dir an, wie viel Umsatz an deinem größten Kunden hängt. Und sprich einmal mit jemandem, der Unternehmen kauft, bevor du verkaufen willst, einfach um zu verstehen, worauf geschaut wird.

Das Ergebnis ist in jedem Fall nützlich. Entweder du verkaufst irgendwann besser, oder du arbeitest ab morgen in einer Firma, die weniger an dir hängt.

Häufige Fragen

Warum finden gesunde Unternehmen keinen Nachfolger?

Meistens, weil das Geschäft stark am Inhaber hängt. Käufer bewerten das als Risiko. Dazu kommen ein zu später Start und unterschiedliche Preisvorstellungen.

Wann sollte ich mit der Nachfolge beginnen?

Drei bis fünf Jahre vor dem gewünschten Ausstieg. Die ersten Schritte, Wissen und Entscheidungen zu verteilen, kosten nichts außer Konsequenz.

Ist eine interne Nachfolge realistisch?

Häufiger, als Inhaber denken. Das Übertragungsrisiko ist kleiner, weil Kunden und Abläufe bekannt sind. Finanzieren lässt sich das über gestaffelte Anteile oder einen Partner.

Was ist mein Unternehmen wert?

Bewertet wird der nachhaltige künftige Ertrag, bereinigt um Sondereffekte, nicht der Umsatz und nicht die investierte Lebenszeit. Eine erste Einordnung ist früh sinnvoll, damit die Erwartung realistisch bleibt.

Daniel Rie

Daniel Rie

Unternehmer aus München. Hat von 2019 bis 2026 einen IT-Dienstleister übernommen, saniert und aufgebaut, der 2022 in die VALLEY IT GROUP integriert wurde. Beteiligt sich über DR Partners an mittelständischen IT-Unternehmen. Mehr über mich.

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