Notizen · Land

Keine Partei, trotzdem wütend: Was Unternehmer in diesem Land ausbremst

08.09.2026 · 6 Minuten · aus Anträgen, Nachweisen und Wartezeiten der letzten Jahre

Das Wichtigste in Kürze

  • Der größte Schaden ist nicht die verlorene Zeit, sondern das Vorhaben, das deshalb gar nicht erst angefangen wird.
  • Drei Dinge bremsen am stärksten: Nachweise ohne Empfänger, lange Verfahren und Regeln, die sich jedes Jahr ändern.
  • Ich gehöre keiner Partei an. Die Frage, die mich interessiert, ist, was konkret weg könnte, ohne dass etwas Schlimmes passiert.
  • Unternehmer können selbst mehr tun, als sie meist glauben: ausbilden, sich zusammenschließen, sichtbar machen, was funktioniert.

Wir brauchten eine Auskunft von einer Behörde, um ein Vorhaben korrekt umzusetzen. Die Frage war einfach, die Antwort kam nach gut drei Wochen und bestand im Kern aus dem Hinweis, dass die Stelle nicht zuständig ist.

Das ist keine dramatische Geschichte. Es sind vielleicht vier Stunden Arbeit und ein paar Wochen Verzögerung. Trotzdem erinnere ich mich daran, und zwar nicht wegen der Stunden, sondern wegen des Gefühls danach.

Denn beim nächsten ähnlichen Vorhaben überlegt man es sich zweimal. Genau das ist der Schaden, und er taucht in keiner Statistik auf.

1. Der Schaden sind nicht die Stunden

In jeder Debatte über Bürokratie geht es um Kosten. Soundso viele Milliarden, soundso viele Stunden pro Jahr. Diese Zahlen stimmen vermutlich und treffen trotzdem nicht den Kern.

Der eigentliche Effekt ist, dass Vorhaben unterbleiben. Ein Standort wird nicht eröffnet, eine Einstellung wird verschoben, eine Investition wird nicht gemacht, weil der Aufwand vorher nicht absehbar ist. Was nicht passiert, kostet nichts und fehlt trotzdem.

Dieser Mechanismus wirkt besonders stark bei kleinen Firmen, weil dort niemand sitzt, dessen Aufgabe Verwaltung ist. Jede Stunde Formular ist eine Stunde, die der Inhaber nicht beim Kunden ist.

2. Was mich konkret ausbremst

Drei Dinge, immer wieder:

  • Nachweise ohne Empfänger. Dokumentation, die erstellt, abgelegt und nie gelesen wird. Niemand kann sagen, wer sie anschaut und was passiert, wenn sie fehlt.
  • Verfahren ohne absehbares Ende. Nicht die Dauer ist das Problem, sondern die Unklarheit darüber. Mit sechs Monaten kann man planen. Mit unbekannt nicht.
  • Regeln, die sich jedes Jahr ändern. Jede Änderung erzeugt Anpassungsaufwand, der nichts mit dem Zweck zu tun hat, und entwertet, was man gerade erst eingeführt hat.

Dagegen ist eine klare, auch strenge Regel, die zehn Jahre gilt, vergleichsweise angenehm.

3. Warum ich keiner Partei angehöre

Ich bin in keiner Partei und habe das auch nicht vor. Das liegt weniger an den Parteien als an der Form der Debatte. Sobald ein Thema einer Seite zugeordnet ist, geht es nicht mehr um die Sache, sondern um die Zugehörigkeit.

Die Frage, die mich interessiert, ist unspektakulär: Welche Regel könnte weg, ohne dass etwas Schlimmes passiert. Diese Frage kann man an einzelnen Vorschriften durchgehen, und das Ergebnis wäre bei vielen vermutlich eindeutig.

Mir ist bewusst, dass jede dieser Regeln einmal einen Grund hatte. Der Punkt ist nicht, dass sie unsinnig entstanden sind. Der Punkt ist, dass sie fast nie wieder überprüft werden.

4. Stimmung ist ein Standortfaktor

Was mir mehr Sorgen macht als einzelne Vorschriften, ist die Grundstimmung. Es ist gerade sehr leicht, Gründe zu nennen, warum etwas nicht geht. Wer etwas aufbauen will, gilt schnell als naiv.

Diese Stimmung ist kein Naturzustand. Sie entsteht, wenn man über Jahre erlebt, dass Anstrengung wenig bewirkt. Und sie dreht sich nicht durch Appelle, sondern wenn Leute sehen, dass sich etwas bewegt.

Deshalb halte ich sichtbare Beispiele für wichtiger als Programme. Eine Firma, die in einer Kleinstadt 30 Leute beschäftigt und ausbildet, verändert die Stimmung in diesem Ort mehr als jede Kampagne.

5. Was Unternehmer selbst tun können

Es ist bequem, auf Politik zu zeigen, und oft berechtigt. Trotzdem gibt es einen Teil, der in unserer Hand liegt.

Ausbilden, auch wenn es sich nicht sofort rechnet. Sich zusammenschließen, weil fünf Firmen in einer Region mehr Gehör finden als eine. Offen über Fehler und Zahlen sprechen, damit Gründen weniger wie ein Sprung ins Dunkle wirkt. Und Leute einstellen, deren Lebenslauf nicht perfekt ist.

Nichts davon ersetzt Reformen. Aber es ist das, was man am Montag anfangen kann, ohne auf jemanden zu warten.

Häufige Fragen

Was ist der größte Schaden durch Bürokratie im Mittelstand?

Nicht die aufgewendete Zeit, sondern die Vorhaben, die deshalb unterbleiben. Investitionen und Einstellungen werden verschoben, weil der Aufwand vorher nicht absehbar ist.

Welche Regeln bremsen besonders?

Nachweispflichten ohne erkennbaren Empfänger, Verfahren ohne absehbares Ende und Regeln, die sich jährlich ändern und laufend Anpassungsaufwand erzeugen.

Was können Unternehmer selbst beitragen?

Ausbilden, sich regional zusammenschließen, offen über Zahlen und Fehler sprechen und Menschen einstellen, deren Lebenslauf nicht geradlinig ist.

Warum keine Parteizugehörigkeit?

Weil Themen, die einer Seite zugeordnet sind, nicht mehr sachlich verhandelt werden. Die Frage, welche Regel ohne Schaden entfallen könnte, lässt sich unabhängig davon stellen.

Daniel Rie

Daniel Rie

Unternehmer aus München. Hat von 2019 bis 2026 einen IT-Dienstleister übernommen, saniert und aufgebaut, der 2022 in die VALLEY IT GROUP integriert wurde. Beteiligt sich über DR Partners an mittelständischen IT-Unternehmen. Mehr über mich.

Alle Notizen · Schreib mir, wenn du es anders erlebt hast